Ein Saab ist Turbo – oder? Noch nie hatte ich einen ohne Zwangsbeatmung in unserem Fuhrpark. Wie fährt sich der Saab 9000 CS  mit 2.3 Litern ohne Turbolader mit Automatik? Der große Saab Vierzylinder mit seinen Ausgleichswellen ist ein angenehmer, laufruhiger Antrieb. Mit einer schönen Klangkulisse und einem guten Antritt fahren wir durch den Münchner Stadtverkehr.

Saab 9000 CS, Baujahr 1993

Saab 9000 CS, Baujahr 1993

Die ZF-Vierstufenautomatik schaltet flott und weich, wir sind gut unterwegs. 146 PS in einer ausgewachsenen Limousine sind nach heutigen Maßstäben nicht viel. Aber der 9000 bringt weniger als 1.4 Tonnen auf die Waage, aktuelle Mittelklasse Limousinen haben mindestens drei Zentner mehr. Und der 9000 war niemals Mittelklasse sondern zählte zum gediegenen Oberhaus.

Auf der Autobahn herrscht dichtes Schneetreiben, und die Massen an modernen Klein- und Mittelklassewagen scheint jeder Schneeflocke ausweichen zu wollen. Langsam geht es in Richtung Norden, 360 Kilometer, auf denen wir keinen anderen Saab sehen werden. Nach dem zweiten Stau gesellt sich ein Allrad getriebener Großelch der anderen schwedischen Marke zu uns und bleibt uns bis kurz vor Frankfurt treu. Wenn schon kein Saab, dann wenigstens ein Volvo. Immerhin !

Saab 9000 Schiebedach

Saab 9000 Schiebedach

Während der Stauphasen drücken sich die Kinder in den vorbeifahrenden Autos die Nasen an den Scheiben platt und deuten auf unser Auto. Mit seinen schwarzen Stoßfängern und der hellen Lackierung ist er eindeutig ein Youngtimer und auffällig dazu. Wir genießen in der Zwischenzeit das blaue Ambiente im Stil der späten 80er und frühen 90er Jahre. Die plüschigen Sessel sind bequem, haben Langstreckencharakter. Die Sitzheizung bullert, die Klimaanlage hält die Scheiben beschlagfrei. Klimaanlage, keine Automatik. Zurück in die Vergangenheit. Gestartet und entriegelt wird der Saab mit einem ganz profanen, häßlichen Schlüssel. Selbst Dacia würde heute so etwas nicht mehr liefern wollen. Es gibt keine Fernbedienung, aber dafür konnte man ab Modelljahr 1993 auch von der Beifahrerseite die Zentralverriegelung bedienen. Komfort von vor 20 Jahren.

Während wir nach dem zweiten Stau etwas flotter unterwegs sind, stellen wir überrascht fest, dass mehr Auto eigentlich kein Mensch braucht. Natürlich möchte auch ich nicht auf Xenon Scheinwerfer, Kurvenlicht und Allradantrieb bei meinem 9-3 verzichten. Aber wir sind in dieser Zeitkapsel aus Schweden sehr entspannt unterwegs.

Der Beweis: Weniger als 100.000 Kilometer in 20 Jahren

Der Beweis: Weniger als 100.000 Kilometer in 20 Jahren

Kurz vor dem Biebelrieder Dreieck kommt eine lange Steigung, die A3 wird dreispurig. Die Schneeflocken ausweichenden modernen Plastikautos bleiben auf den rechten Spuren. Wahrscheinlich warnt irgendein Gepiepse im Auto die Fahrer permanent vor Frost, Eis und dem Verderben. Kinderkram, den unser Saab nicht kennt und den wir für heute mal vergessen. Wir verlassen uns auf das, was wir sehen, und auf unsere Erfahrung. Zeit, unseren Saab mal “uphill” fliegen zu lassen. Wir gehen aufs Gas, der 9000 beschleunigt, unspektakulär aber konstant den Berg hoch. Bei etwas mehr als 180 lassen wir es gut sein. Er hätte schneller gekonnt, der Fahrzeugschein spricht von 200 als Spitze, was wir spätestens jetzt glauben wollen.

Innenraum, wie ab Werk.

Innenraum, wie ab Werk.

Um die 50.000 DM hat der 9000 1993 gekostet. Viel Geld, aber er ist es wert. Alles ist solide und strahlt auch noch heute, 20 Jahre später, Unverwüstbarkeit aus. Die schwarze Dekoreinlage am Armaturenbrett – wenn man mit den Fingerkuppen darüber streicht, merkt man, dass sie fein strukturiert ist – passt zur schwedischen Sachlichkeit und ist ein wohltuender Kontrast zum sonst im Saab 9000 verbauten Holz.

Die restlichen Kilometer über den verschneiten Hochspessart spult der Saab mit Leichtigkeit ab. Seit unserem Start in München ist er immer agiler und leichtfüßiger geworden. Die Kilometer auf der Autobahn tun der Maschine gut, mit 94.000 ist sie für Saab Verhältnisse nagelneu. Die letzten Kilometer der heutigen Fahrt gehen über die Landstrasse, enden auf dem Parkplatz unseres Lieblingsitalieners. Der 9000, auch ohne Turbo, ein richtiger Saab? Auf jeden Fall ! Wir waren einige hundert Kilometer in dichtem Schneetreiben unterwegs, haben zwei Staus abgeritten, dabei um die 10 Liter auf hundert Kilometer verbraucht und fühlen uns kein bisschen gestresst. Im Gegenteil !  Während des Abendessens geht es immer wieder um den unglaublich guten Zustand des Autos. Die Langzeitqualität der 9000er versetzt auch uns immer wieder in Erstaunen.

Sauber, wie ab Werk Trollhättan.

Sauber, wie ab Werk Trollhättan.

Bleibt noch die Geschichte mit dem Plan zu klären. Vor einigen Tagen habe ich in “Aktion Winterquartier” darüber geschrieben. Den Saab von der Strasse holen, wegstellen, im Frühjahr einen Saab-Fan als neue Heimat suchen.

Am nächsten Tag stehe ich vor dem 9000 und denke mir, was für ein schöner Saab er doch ist. Mit Aerofelgen ( die ich zufällig noch habe ) würde er noch besser aussehen. Den Auspuff neu, ein paar kleine Reparaturen und das Übliche, was man bei einem 20-jährigen Auto machen sollte, und er würde wirklich wie ein Neuwagen aussehen. Vergessen wir den Plan und behalten wir den Saab ! Vielleicht mit Saisonkennzeichen. Hat da einer gesagt, vier Saabs seien genug?

Text: tom@saabblog.net

Bilder: saabblog.net

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